Freitag, 29. August 2014

Facta loquuntur, cum arcana reticentia sunt

Kürzlich ist mir (bei einem Glas Ouzo) Gregg Bradens Buch Fractal Time. Das Geheimnis von 2012 und wie ein neues Zeitalter beginnt in die Hände gefallen. Der Untertitel sagt es: Es handelt sich um einen der zahllosen Bestseller, die behaupten, der 21. Dezember 2012 sei der Beginn eines neuen Weltzeitalters. Braden vermengt seine Ansichten über dieses berühmt-berüchtigte Datum mit der Idee, die Zeit sei ein »Code« (manchmal sagt er auch, die Zeit sei eine »Essenz«), durch den wir etwas über vergangene Weltzeitalter erfahren könnten, und ein wenig 9/11-Mystizismus. Es handelt sich also um so eine Art Tütensuppen-Mischung aus Weltuntergangsphantasien, Bibel-Code und Gerhard Wisnewski: In einen Topf mit Wasser geben, verrühren, kurz aufkochen lassen und fertig ist das apokalyptische Szenario. Im Klappentext wird der Autor Braden als »visionäre[r] Wissenschaftler« vorgestellt. Leider schweigt Wikipedia sich darüber aus, über welche wissenschaftlichen Qualifikationen Braden verfügt – ein Inside Job?

Was mir an Bradens Buch ins Auge gefallen ist, ist sein unverhohlener Anspruch auf Empirie und Allgemeinverständlichkeit. Am Ende des Buches wird ein weiteres Werk Bradens beworben, in dem der »visionäre Wissenschaftler« über Max Planck schwadroniert. Das Buch wird mit den Worten »Das Besondere an diesem Buch ist: Sie brauchen kein physikalisches Fachwissen.« empfohlen. So auch in Fractal Time. Die Wörter Esoterik und Okkultismus bedeuten bekanntlich Geheimlehre. Früher ging man denn auch davon aus, dass die ignoranten Massen vom höheren Wissen der Eingeweihten ferngehalten werden müssten, und dachte sich komplizierte Hochgradsysteme und Geheimsprachen aus, um die Arkandisziplin zu wahren. Die Wahrheitssuchenden mussten sich vom schnöden Faktenwissen freimachen, um in den Genuss von Offenbarungen aus höheren Welten zu kommen. Keine Spur davon bei Braden, dem publikumsbewussten Esoteriker von heute: Sein Herz schlägt für den Positivismus.

Braden sagt über den 21. Dezember 2012: »Was bedeutet es, so einen seltenen astronomischen Zeitpunkt zu erleben? Niemand kann das mit Sicherheit sagen; keiner von uns war das letzte Mal, als so etwas geschah, dabei. Wir haben jedoch wertvolle Hinweise, was auf uns zukommen könnte. Wir haben Tatsachen.«* Fakten, Fakten, Fakten – und nicht mehr Heimlichtuerei – sind die harte Währung der heutigen Esoterik. Während früher galt, dass nichts wahr sein kann, was nicht dunkel und hermetisch klingt, lautet jetzt die Devise: Nichts kann wahr sein, was sich nicht als Tatsache ausgeben lässt.

Das Amüsante dabei ist, was Braden eigentlich im Sinn hat, wenn er von Tatsachen spricht. Ein Beispiel:
Vereinen wir [...] das alte traditionelle Verständnis der Zeitzyklen mit den Entdeckungen des Nobelpreisträgers und Physikers Albert Einstein über die Einheit von Raum und Zeit, dann springen uns drei Tatsachen ins Auge. Ihre Konsequenzen jedoch stellen alles auf den Kopf, was wir bisher über unser Leben in der Welt angenommen haben. [...] 2. Tatsache: Alle Ereignisse unseres täglichen Lebens (Romanzen, Kriege, Börsencrashs, Aufstieg und Verfall von Zivilisationen) geschehen im Raum-Zeit-Kontinuum.
Nun gehe ich stark davon aus, dass auch vor Einstein Menschen bereits angenommen haben, dass alle Ereignisse des täglichen Lebens in der gleichen Raumzeit stattgefunden haben. Es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb diese »Tatsache« sämtliche Vorstellungen über die Welt auf den Kopf stellen sollte. Andererseits: Bradens Ausführungen haben durchaus etwas, was mich an meinen Vorstellungen über die Welt zweifeln lässt. An anderer Stelle schreibt er:
Es gibt ganz eindeutig keinen Mangel an Büchern über den Maya-Kalender und das Jahr 2012. Man hat den Eindruck, in den Buchläden und im Internet taucht jeden Monat etwas Neues auf. Und wie bei jedem Thema, das die Menschen tiefer berührt, gibt es auch hier viele, teilweise einander widersprechende Ansichten – von jahrelang recherchierten, wissenschaftlich untermauerten Vorhersagen bis zu automatisch geschrieben Botschaften außerirdischer Intelligenzen.
Öh ... ja, es gibt viele Themen, die mich tief berühren. Aber zu keinem davon habe ich je eine automatisch geschriebene Botschaft von Aliens erhalten. So langsam kriege ich wirklich den Verdacht, dass Bradens Denken sich doch in einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum abspielt. Aber wahrscheinlich sind mir da einfach nur irgendwelche bedeutsamen Tatsachen entgangen ...

* Hervorhebung von mir. Nebenbei bemerkt: Was ist eigentlich ein seltener Zeitpunkt? Bisher dachte ich, alle Zeitpunkte seien insofern selten, als dass es jeden von ihnen nur einmal gibt.