Donnerstag, 16. Oktober 2014

Standort Volksgemeinschaft

Mir ist wieder mal ein herziges Büchlein in die Hände gefallen. Der Titel lautet Israel kontrovers. Eine theologisch-politische Standortbestimmung. Die Autoren sind ein evangelischer und ein katholischer Theologe: Peter Bingel, der nach eigener Auskunft »vielfältig engagiert [ist] in Bereichen, wo Menschen ihrer existenziellen Grundrechte beraubt werden«, und Winfried Belz, der sich »[s]eit 1995 intensiv mit dem Nahostkonflikt« befasst haben will. So steht es in den Autorenporträts, die vermutlich von den beiden Pappnasen selbst geschrieben wurden. Diese Selbstauskunft ist ebenso großmäulig wie nichtssagend und soll anscheinend die fachliche Qualifikation ersetzen, die den Autoren fehlt.

Ihre These lautet: »Die gegenwärtigen Kämpfe und Auseinandersetzungen um die politische und moralische Existenz, um die Bedeutung, Gestalt und Politik des Staates Israel sind jedoch nicht zu verstehen ohne den ständigen Rückgriff auf die religiösen und mythologischen Vorstellungen und politischen Entwicklungen der Vergangenheit.« Bingel und Belz gehen also in Scholl-Latour-Manier an ihr Thema heran. Aktuelle politische Konflikte außerhalb der westlichen Welt lassen sich dieser Auffassung nach nur verstehen, indem man sie kulturalisiert und sich damit der essentiellen Geschichtslosigkeit aller außerhalb Europas lebenden Menschen versichert. So geht es Bingel und Belz um die »Wesensart« des Judentums, das eine seit über 3.000 Jahren existierende »Volksgemeinschaft« sei. Diesen Nazi-Sprech verwenden die Autoren durchgängig und völlig unkritisch.

Kennen sich Bingel und Belz denn wenigstens aus mit der Geschichte des israelitischen Volkes und des Judentums? Das würde dem Buch immerhin eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen, ganz unabhängig davon, wie man die Frage, ob man zum Verständnis des Nahostkonflikts wirklich bis in die Antike zurückgehen muss, beantwortet. Aber nein, Bingel und Belz kennen sich nicht aus, sondern sind einfach nur dumm, faul und ahnungslos. In ihrer Bibliographie sind gerade einmal zwei im engeren Sinne historische Werke über die Geschichte des alten Israel aufgeführt, Martin Noths Geschichte Israels, die erstmals 1950 erschien, und Georg Fohrers gleichnamiges Buch von 1977. Bingel und Belz stützen sich vor allem auf Noth, der ein zu seiner Zeit bahnbrechendes Werk verfasste, das heute aber völlig veraltet ist. Über 60 Jahre archäologische, sozial- und kulturgeschichtliche sowie historisch-anthropologische Forschung werden von ihnen weitgehend ignoriert.

Aber der Rückgriff auf die Antike dient Bingel und Belz letztlich nur dazu, das alte Israel als einen blutrünstigen, ›orientalisch‹-fanatischen Haufen zu zeichnen, für den »alles Nichtjüdische unrein und strikt abzulehnen war«, mit einem »Volksgott« dessen Lieblingsbeschäftigung die »genozidale Vernichtung« feindlicher Bevölkerungen gewesen sei. Dieses Bild des alten Israel (und des späteren Judentums) haben sich Bingel und Belz natürlich nicht selbst ausgedacht. Es handelt sich um ein Bild, das im Rahmen des christlichen Antijudaismus (oder religiösen Antisemitismus, um es deutlicher zu sagen) entstanden ist und die gesamte Kirchengeschichte geprägt hat: das Judentum als eine Religion überheblichen Stolzes, die Juden und ihr Gott als Mörder von Frauen und Kindern. Bingel und Belz bekennen sich offen zu diesem religiösen Antisemitismus, indem sie von jüdischer »Christenverfolgung« fabulieren und die moralische Überlegenheit des Christentums betonen: »Aus Jesu Verkündigung und aus dem Neuen Testament ergibt sich [...] ein völlig anderes Gottesbild als aus großen Teilen der Hebräischen Bibel: Gott, wie wir ihn aus dem Neuen Testament kennen, ist keiner, der etwa vielfachen Mord an Einwohnern kanaanitischer Städte befehlen würde, um Platz für das einwandernde Volk Israel zu schaffen.« Bingel und Belz beziehen sich hier auf die Geschichten der Hebräischen Bibel, die die Eroberung des Landes Kanaan nach dem Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei beschreiben. Bei diesen Geschichten handelt es sich nach einhelliger Meinung der heutigen Archäologie und Geschichtswissenschaft nicht um Historie, sondern um Sagen, die nie stattgefundene Ereignisse schildern. Man sieht: Bingel und Belz haben gute Gründe, sich nicht für den aktuellen Stand der Forschung zu interessieren. Ihr christliches Gottesbild braucht als Negativfolie das Klischee des himmlischen Tyrannen, der angeblich im Alten Testament sein Unwesen treibt.

Es mutet auf den ersten Blick verquer an, dass über den Gott der Hebräischen Bibel (also des Alten Testaments bzw. der jüdischen Bibel) zahlreiche kriegerische Geschichten erzählt werden, die aber keine historische Grundlage haben – während im Namen des vermeintlich friedliebenden christlichen Gottes jede Menge Kriege geführt wurden, wie jeder Mensch weiß, der schon mal ein Geschichtsbuch in der Hand hatte. Dennoch gibt es eine einleuchtende Erklärung, wie es dazu gekommen ist: Das Judentum (und auch schon das alte Israel) befand sich im Laufe seiner Geschichte fast immer in einer Position der Machtlosigkeit. In einer solchen Lage macht es Sinn, an einen starken, wehrhaften Gott zu glauben. Das Christentum hingegen agierte von der Konstantinischen Wende bis heute vor dem Hintergrund imperialer Macht, und Imperien haben sich von jeher zu Versöhnern und Friedensstiftern stilisiert. Christliche Theolog_innen treibt dieser Sachverhalt oft in eine geradezu jämmerliche Verteidigungshaltung, die mit allerlei Abwehrreaktionen einhergeht. Andere Religionen (neben dem Judentum oft auch der Islam) müssen dann als Sündenböcke herhalten, und ihnen wird das vorgeworfen, was man sich selber zuschreiben müsste: zu blutigen Feldzügen die religiöse Begleitmusik geliefert zu haben.

Nun gibt es auch christliche Theolog_innen, die sich um Verständigung mit dem Judentum und kritische Selbstreflektion der eigenen Geschichte bemühen, und diesen gilt Bingels und Belzens ganzer Hass: Sie betrieben eine »Nach-Auschwitz-Theologie«, die aus einer übetriebenen »Betroffenheit über den Holocaust« erwachsen sei, und verrieten den »zentralen Christusglauben«, um sich beim Judentum anzubiedern. Die Teufelsaustreibung folgt auf den Fuß. Eine solche Theologie sei »in der Glaubensauffassung häretisch«, also Ketzerei, sprechen die beiden Hobby-Inquisitoren das Urteil.

Die Hauptstoßrichtung des Buches verläuft aber nicht gegen ketzerische Elemente in den eigenen Reihen. In erster Linie geht es gegen das Judentum und Israel. Haben Bingel und Belz erst einmal die mordgierige »Wesensart« des Judentums anhand ihrer christlich-antijudaistischen Interpretation des Alten Testaments identifiziert, können sie die gleiche »Wesensart« auch heute überall beobachten – vor allem im Zionismus und in der israelischen Politik. Es gebe »viele Parallelen« zwischen den alttestamentlichen Sagen und dem heutigen Judentum (womit sie die Bevölkerung Israels meinen), versichern Bingel und Belz treuherzig. Die »Mehrheit der Juden« sehe Palästinenser_innen »nicht als Personen mit einer Menschenwürde und menschlichen Empfindungen«. Israel sei ein fundamentalistisch-religiöser Staat, dessen Politik von »Eroberung, Landraub, Vertreibung und Vernichtung der einheimischen Bevölkerung in der Hebräischen Bibel unmittelbar vorgegeben [ist] – damals waren es die Kanaaniter, heute sind es die Palästinenser«. Der Zionismus »erinnert durchaus an die einstige deutsche Ideologie von ›Blut und Boden‹«. Die Nachfahren der Schoa-Opfer sind in Bingels und Belzens Sicht also die Nazis von heute – so behaupten sie in einem Buch, dessen Anspruch darin liegt, Debatten über den Nahostkonflikt »mehr rationalen Grund und Boden« zu bieten.

Auch in dem Abschnitt über Geschichte und Gegenwart des Staates Israels zeigt sich, dass die beiden Autoren es nicht für nötig halten, sich gründlich zu informieren oder auch nur sorgfältig zu arbeiten. Den Unterschiede zwischen dem orthodoxen Judentum und den Charedim (den sogenannten Ultraorthodoxen) scheinen ihnen nicht bekannt zu sein. Von der nationalreligiösen Strömung des Zionismus sprechen sie oft, kennen aber augenscheinlich seine von starken Brüchen gekennzeichnete ideologische Entwicklung nicht mal in Ansätzen. Israels Politik sei ethnozentrisch und partikularistisch. An keiner Stelle erwähnen sie, dass Israel ein multiethnischer Staat ist, in dem neben Jüdinnen und Juden auch Araber_innen, Beduin_innen, Drus_innen und Tscherkess_innen leben. Sie stützen sich auf Norman Finkelsteins berüchtiges Werk Die Holocaust-Industrie, taufen den Autor aber auf den Namen »Norbert Finkelstein«. Bingels und Belzens Buch ist 2013 bei Rotpunkt erschienen, jedoch mit einer Karte, die die Landverteilung zwischen Israel und den Palästinenser_innen im Jahr 2000 zeigt, als es noch israelische Siedlungen im Gazastreifen gab.

Wissen sie es nicht besser, oder wollen sie es nicht wissen? Vielleicht beides, aber das eigentliche Problem mit diesem Buch ist ohnehin nicht mangelndes Wissen. Wer meint, die angeblich seit Jahrtausenden unveränderte »Wesensart« einer »Volksgemeinschaft« entdeckt zu haben, betreibt völkisches Denken in Reinkultur. An keiner Stelle in Bingels und Belzens Buch wird das deutlicher als in folgender über den Sechstagekrieg von 1967: »Auf geradezu wundersame Weise war in kürzester Zeit nicht nur die Jerusalemer Altstadt [...] in jüdische Hand gekommen, sondern auch das bis dahin den Palästinensern unter jordanischer Hoheit verbliebene Westjordanland«. Zum historischen Hintergrund: Jordanien hatte nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 das Westjordanland annektiert, d.h. seinem Staatsgebiet offiziell einverleibt. International wurde diese Annektion nur von Großbritannien und Pakistan anerkannt. Ja, es ist geradezu wundersam: Im Weltbild von Bingel und Belz gehörte das von Jordanien beanspruchte Land vor 1967 dennoch »den Palästinensern«. Heute dagegen, da der Großteil der palästinensischen Bevölkerung der Westbank unter der Hoheit der Palästinensischen Autonomiebehörde (die sich übrigens schon jetzt als palästinensischer Staat versteht) lebt, gehört das Land auf ebenso wundersame Weise nicht »den Palästinensern«, sondern ist »in jüdische Hand gekommen«. Hier hören Bingel und Belz endgültig auf, im Rahmen historischer Tatsachen zu argumentieren. Die Westbank ist in ihren Augen nicht etwa militärisch besetzt, schon gar kein umstrittenes Territorium (wie es weltweit viele gibt), sondern ist »den Juden« in die gierigen Hände gefallen. Sofort sehen Bingel und Belz wieder den Teufel, den sie austreiben wollen. In der antisemitischen Tradition ist Israel nicht nur eine »Volksgemeinschaft«, sondern der Erzfeind aller anderen »Volksgemeinschaften«, und in dieser Tradition stehen auch die beiden völkischen Theologen.

Freitag, 29. August 2014

Facta loquuntur, cum arcana reticentia sunt

Kürzlich ist mir (bei einem Glas Ouzo) Gregg Bradens Buch Fractal Time. Das Geheimnis von 2012 und wie ein neues Zeitalter beginnt in die Hände gefallen. Der Untertitel sagt es: Es handelt sich um einen der zahllosen Bestseller, die behaupten, der 21. Dezember 2012 sei der Beginn eines neuen Weltzeitalters. Braden vermengt seine Ansichten über dieses berühmt-berüchtigte Datum mit der Idee, die Zeit sei ein »Code« (manchmal sagt er auch, die Zeit sei eine »Essenz«), durch den wir etwas über vergangene Weltzeitalter erfahren könnten, und ein wenig 9/11-Mystizismus. Es handelt sich also um so eine Art Tütensuppen-Mischung aus Weltuntergangsphantasien, Bibel-Code und Gerhard Wisnewski: In einen Topf mit Wasser geben, verrühren, kurz aufkochen lassen und fertig ist das apokalyptische Szenario. Im Klappentext wird der Autor Braden als »visionäre[r] Wissenschaftler« vorgestellt. Leider schweigt Wikipedia sich darüber aus, über welche wissenschaftlichen Qualifikationen Braden verfügt – ein Inside Job?

Was mir an Bradens Buch ins Auge gefallen ist, ist sein unverhohlener Anspruch auf Empirie und Allgemeinverständlichkeit. Am Ende des Buches wird ein weiteres Werk Bradens beworben, in dem der »visionäre Wissenschaftler« über Max Planck schwadroniert. Das Buch wird mit den Worten »Das Besondere an diesem Buch ist: Sie brauchen kein physikalisches Fachwissen.« empfohlen. So auch in Fractal Time. Die Wörter Esoterik und Okkultismus bedeuten bekanntlich Geheimlehre. Früher ging man denn auch davon aus, dass die ignoranten Massen vom höheren Wissen der Eingeweihten ferngehalten werden müssten, und dachte sich komplizierte Hochgradsysteme und Geheimsprachen aus, um die Arkandisziplin zu wahren. Die Wahrheitssuchenden mussten sich vom schnöden Faktenwissen freimachen, um in den Genuss von Offenbarungen aus höheren Welten zu kommen. Keine Spur davon bei Braden, dem publikumsbewussten Esoteriker von heute: Sein Herz schlägt für den Positivismus.

Braden sagt über den 21. Dezember 2012: »Was bedeutet es, so einen seltenen astronomischen Zeitpunkt zu erleben? Niemand kann das mit Sicherheit sagen; keiner von uns war das letzte Mal, als so etwas geschah, dabei. Wir haben jedoch wertvolle Hinweise, was auf uns zukommen könnte. Wir haben Tatsachen.«* Fakten, Fakten, Fakten – und nicht mehr Heimlichtuerei – sind die harte Währung der heutigen Esoterik. Während früher galt, dass nichts wahr sein kann, was nicht dunkel und hermetisch klingt, lautet jetzt die Devise: Nichts kann wahr sein, was sich nicht als Tatsache ausgeben lässt.

Das Amüsante dabei ist, was Braden eigentlich im Sinn hat, wenn er von Tatsachen spricht. Ein Beispiel:
Vereinen wir [...] das alte traditionelle Verständnis der Zeitzyklen mit den Entdeckungen des Nobelpreisträgers und Physikers Albert Einstein über die Einheit von Raum und Zeit, dann springen uns drei Tatsachen ins Auge. Ihre Konsequenzen jedoch stellen alles auf den Kopf, was wir bisher über unser Leben in der Welt angenommen haben. [...] 2. Tatsache: Alle Ereignisse unseres täglichen Lebens (Romanzen, Kriege, Börsencrashs, Aufstieg und Verfall von Zivilisationen) geschehen im Raum-Zeit-Kontinuum.
Nun gehe ich stark davon aus, dass auch vor Einstein Menschen bereits angenommen haben, dass alle Ereignisse des täglichen Lebens in der gleichen Raumzeit stattgefunden haben. Es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb diese »Tatsache« sämtliche Vorstellungen über die Welt auf den Kopf stellen sollte. Andererseits: Bradens Ausführungen haben durchaus etwas, was mich an meinen Vorstellungen über die Welt zweifeln lässt. An anderer Stelle schreibt er:
Es gibt ganz eindeutig keinen Mangel an Büchern über den Maya-Kalender und das Jahr 2012. Man hat den Eindruck, in den Buchläden und im Internet taucht jeden Monat etwas Neues auf. Und wie bei jedem Thema, das die Menschen tiefer berührt, gibt es auch hier viele, teilweise einander widersprechende Ansichten – von jahrelang recherchierten, wissenschaftlich untermauerten Vorhersagen bis zu automatisch geschrieben Botschaften außerirdischer Intelligenzen.
Öh ... ja, es gibt viele Themen, die mich tief berühren. Aber zu keinem davon habe ich je eine automatisch geschriebene Botschaft von Aliens erhalten. So langsam kriege ich wirklich den Verdacht, dass Bradens Denken sich doch in einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum abspielt. Aber wahrscheinlich sind mir da einfach nur irgendwelche bedeutsamen Tatsachen entgangen ...

* Hervorhebung von mir. Nebenbei bemerkt: Was ist eigentlich ein seltener Zeitpunkt? Bisher dachte ich, alle Zeitpunkte seien insofern selten, als dass es jeden von ihnen nur einmal gibt.

Samstag, 31. Mai 2014

Der Fluch der Pharaonen

Zuerst die beruhigende Nachricht: Es gibt keinen Fluch des Pharaos. Es gibt nur die Geschichte vom Fluch des Pharaos, die übrigens aus wenigen, übersichtlichen Elementen besteht. Hier ist sie. 1922 fand eine Expedition unter Leitung von Howard Carter das Grab des Tutanchamun, eines Pharaos der 18. Dynastie, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. regierte. Bei der Öffnung des Grabes soll eine Tontafel mit der Inschrift »Death shall come on swift wings to him that toucheth the tomb of the pharaoh« entdeckt worden sein. Die Tafel sei sodann verschwunden und von niemandem je wieder gesehen worden. Und von 1923 bis 1930 starben ungefähr 15 Personen, die an der Expedition beteiligt gewesen waren oder das Grab nach seiner Öffnung betreten hatten.

Mysteriös, nicht wahr? Die Sage vom Fluch des Pharaos behauptet nun, die Tafel sei eine ernstgemeinte Warnung gewesen. Weil Carter & Co. sich nicht daran gehalten haben, seien sie von dem Fluch getroffen worden. Uneins ist man sich darüber, wie genau der Fluch funktioniert. Eine beliebte Hypothese lautet, dass die Pharaon_innen ihre Gräber mit giftigen Pilzen gesichert hätten. Betritt nun jemand die Grabkammer, nachdem sie jahrtausendelang verschlossen war, atmet diese Person das konzentrierte Pilzgift ein und geht elendiglich zugrunde. Philipp Vandenberg, um den es hier hauptsächlich geht, hält nichts von dieser Erklärung. Er präsent in seinem Buch Der Fluch der Pharaonen eine weitaus abgedrehtere Idee: Die alten Ägypter_innen hätten die Radioaktivität gekannt. Schenkt man Vandenberg Glauben, dann wurde vor 3000 Jahren am Nil Uran abgebaut und u.a. dazu verwendet, die Grabkammern im Tal der Könige gezielt zu verstrahlen. Lustigerweise lassen sich mit dieser Behauptung alle möglichen Dinge erklären, der Untergang der Titanic zum Beispiel. Der Ozeanriese habe eine altägyptische Mumie an Bord gehabt, die direkt hinter der Brücke verstaut worden sei, so Vandenberg. Edward Smith, der Kapitän, sei aufgrund der von der Mumie ausgehenden Strahlung nicht mehr ganz zurechnungsfähig gewesen, deshalb habe er sein Schiff mit vollem Tempo auf einen Eisberg brettern lassen.

Wer das gern glauben möchte, übersieht jedoch einige Problemchen, vor allem aber eins: Es gibt keinen Fluch des Pharao. Bevor man sich darüber Gedanken macht, wie dieser sagenumwobene Fluch funktioniert, sollte man sich besser fragen, ob er überhaupt existiert. Und da sieht es leider schlecht aus.

Zunächst die Tontafel mit der unheilverkündenden Inschrift. Die hat es höchstwahrscheinlich nie gegeben. Im Katalog der Fundstücke taucht sie nicht auf. Auch Carter erwähnt sie an keiner Stelle. Und obwohl es zahlreiche bekannte Fotos aus dem Innern des Grabes gibt, existiert kein einziges Foto der Tafel. Vandenberg behauptet, Carter habe die Tafel aus Rücksicht auf den Aberglauben der einheimischen Arbeiter heimlich verschwinden lassen. Native superstitions – immer eine beliebte Erklärung. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass es sich in Wirklichkeit nicht um einen ägyptischen, sondern um einen westlichen Aberglauben handelt. Als die Entdeckung des Grabes bekannt wurde, überschlug sich die Presse geradezu im Erfinden und Verbreiten von Gerüchten. Das Publikum nahm diese dankbar auf. Ein fast unberührtes Pharaonengrab wird schließlich nicht alle Tage entdeckt, und man war begierig auf Sensationen. Die ominöse Warnung auf der Tafel war wahrscheinlich von einer ähnlich lautenden Formulierung aus einem Roman der okkultistischen Schriftstellerin Marie Corelli inspiriert, die gemäß einer Quelle »No good will come of disturbing Pharaoh’s bones« und einer anderen zufolge »The most dire punishment follows any rash intruder into a sealed tomb«* lautete.

So gar nichts besonderes sind die Todesumstände der Personen, die mit dem Grab in Berührung gekommen waren. Sie hatten nämlich ganz verschiedene Todesursachen, darunter Altersschwäche, Suizid und Allerweltskrankheiten wie Pneumonie. Im Schnitt wurden sie 70–80 Jahre alt und lagen damit vermutlich über der durchschnittlichen Lebenserwartung der damaligen Zeit. Vandenberg betont zwar, dass viele der angeblich vom Fluch Getroffenen unter mysteriösen Umständen gestorben seien – bei näherem Hinsehen lösen sich die Mysterien aber meist in Luft auf. So heißt es zum Beispiel, dass exakt zum Zeitpunkt des Todes von Lord Carnarvon, der die Expedition finanziert hatte, in Kairo der Strom ausfiel. Das wirkt allerdings höchstens von Deutschland aus ungewöhnlich, denn in vielen Großstädten auf der ganzen Welt gehören regelmäßige Stromausfälle zum Alltag. Im Kairo der zwanziger Jahre wird es nicht anders gewesen sein.

Es gab also keine Tafel mit einer bedrohlichen Inschrift und keine Häufung außergewöhnlicher Todesfälle. Der Fluch des Pharaos fällt flach. Bleibt die Frage, wie Vandenberg auf die Idee mit der Radioaktivität kam. Wahrscheinlich hat er sie von Arthur Conan Doyle, der bereits in den zwanziger Jahren (also sehr zeitnah zur Entdeckung des Grabes) meinte, von Mumien gingen gefährliche Strahlen aus, und diese Auffassung auch öffentlich vertrat. Nun war gerade Doyle eine Person, auf die man sich möglichst nicht berufen sollte, wenn es darum geht, eine ernstzunehmende Hypothese zu formulieren. Wer sich den berühmten Schöpfer von Sherlock Holmes als einen nüchternen und rationalen Menschen vorstellt, liegt völlig falsch. Doyle hatte Zeit seines Lebens einen Hang zum Aberglauben und zum Spektakel. Er war Freimaurer und interessierte sich brennend für mysteriöse Ereignisse wie das Verschwinden der Mannschaft der Mary Celeste (ein Schiff, das 1872 verlassen im Atlantik treibend gefunden wurde). Nach dem 1. Weltkrieg, in dem Doyles Sohn Kingsley gefallen war, verstärkte sich diese Tendenz noch. Doyle war nunmehr überzeugt, dass es möglich sei, mit Hilfe des Spiritismus Kontakt zum Jenseits aufzunehmen. Er stürzte sich geradezu begierig auf alles, was als übernatürliches Phänomen wahrgenommen werden konnte, wie insbesondere seine prominente Rolle in der Bekanntmachung der Feen von Cottingley zeigt. John Rateliff nannte Doyle nicht zu Unrecht »the most gullible man who ever lived«. Ob Vandenberg ein vergleichbar naiver Gläubiger ist (oder einfach ein Autor, der weiß, wo das Geld liegt), vermag ich nicht zu sagen.

* Nicholas Reeves, The Complete Tutankhamun, London 1995, S. 62f.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Deutsche Religionskritische Essayisten

Es gibt einen gewissen Typus des Religionskritischen Essayisten (RkE) in Deutschland, bei dem mir regelmäßig das Lästern (oder, wie im Falle von Michael Schmidt-Salomon, auch das Ärgern) kommt. Dieser Typus ist eines der Dinge, die Deutschland für mich so überaus unsympathisch machen. Für seine Fans ist der RkE dagegen eine Art Guru, dessen Funktion vor allem darin besteht, in simplen Schemata die Welt zu (v)erklären.*

So etwa Norbert Rohde, in dessen Pamphlet Abschied von der Bibel. Vom alten Glauben zum neuen Wissen sich folgende denkwürdige Aussage findet:
Alle Götter der Völker spiegeln auch den jeweiligen Volkscharakter wieder.
Von solch faschistoidem Stuss ausgehend, entwirft Rohde in immer  neuen sumpfig-assoziativen Schilderungen seine Sicht des jüdischen ›Volkscharakters‹, denn Rohdes Buch ist in weiten Teilen nichts anderes als eine speichelsprühende Polemik gegen den Gott der hebräischen Bibel. Für Rohde führt von der vermeintlichen »eitle[n] Sucht der israelitischen Priester, sich mit Glanz und Prunk zu umgeben« eine direkte Linie zu den »Beutelisten der SS, mit dem geraubten Schmuck, den Goldzähnen und vielerlei Vermögenswerten der Millionen jüdischen Holocaust-Opfer«. Schuld am Holocaust sind – die Juden. Als Beweis führt Rohde das 31. Kapitel des Buches Numeri an, in dem ein israelitischer Kriegszug erzählt wird. Offenbar übersteigt es das Vorstellungsvermögen des RkE, dass es sich bei biblischen Texten wie diesem in der Regel um Sagen handelt, und nicht um historische Berichte. Ist die aberwitzige These erst etabliert, kann der teutonische Glaubensverächter sich so richtig austoben: In Rohdes Kapitel »Jahwes Priester« wird man beim Lesen abgestoßen von immer neuen Ausfällen gegen die »Verderbtheit der mosaischen Priesterkaste«, die »in eitler Selbstdarstellung« ihren »sadistische[n] Neigungen« huldige.

Man könnte einen Norbert Rohde als ungebildeten Einzelfall abtun, würden nicht weitere RkEs in ähnlich trüben Gewässern fischen. So Hubertus Mynarek, der das Vorwort zu Rohdes Hetzschrift verfasste und regelmäßig im Dunstkreis von freireligiösen und esoterischen Gruppierungen anzutreffen ist. Dies gilt zum einen für die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft (stets in dieser merkwürdigen Schreibweise), die in der Nachkriegszeit als Sammelbecken für christentumsfeindliche Nazis diente. Jahrzehntelang spiritus rector der Deutschen Unitarier war die Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke, deren Arbeiten in den vierziger Jahren von der SS gefördert wurden. Zum anderen hat Mynarek sich in den vergangenen Jahren der Psychosekte Universelles Leben (UL) angenähert, die häufig verdeckt unter dem Namen ihrer zahllosen Vorfeldorganisationen auftritt und sich dezidiert kirchenkritisch gibt. In einer mittlerweile eingestellten UL-Zeitschrift ließ Redakteur und Sektenmitglied German Murer einst die Bemerkung fallen, Deutschland sei »ein Spielball herrschsüchtiger Juden«.** Es scheint, als sei dem RkE die eine Religion nicht gleich der anderen: Über das Judentum wird bis zur Diffamierung hergezogen, während man für rechtslastige Eso-Gruppen mehr als nur Sympathie aufbringt.

Auch Karlheinz Deschner, unbestritten der Papst unter den RkEs, gibt aus der Nähe betrachtet keine besonders gute Figur ab. Der Theologe Joachim Kahl, der sich als Gentleman-Religionskritiker alter Schule sieht, kritisiert das misanthropische Menschenbild von Deschners Aphorismen und wirft ihm ein demokratiefeindliches Politikverständnis vor. Kahls Kritik kommt allerdings etwas zu gutmütig-onkelhaft daher, wenn man Deschners Auslassungen über Deutschland und die USA unter die Lupe nimmt. Betrachten wir zunächst zwei teutonische Aphorismen des RkEs und Kahls Empörung darüber:
Deutsch sein heißt die Fresse halten!
Alla tedesca. Vom Krieger zum Arschkriecher – Teutoniens Weg ins 21. Jahrhundert.
Kahl spricht von »hysterisch anmutende[m] Hass Deschners auf Deutschland und alles Deutsche«. Wo der in den beiden Aphorismen zu finden sein soll, ist mir allerdings schleierhaft. Deschner sagt schließlich nichts anderes, als dass Deutsche im 21. Jahrhundert Arschkriecher seien und die Fresse hielten. Zuvor (vor ’45?) hielten die Deutschen anscheinend nicht die Fresse, denn sie waren stolze Krieger – revisionistische Anti-Reeducation-Ideologie in zweieinhalb Sätzen.

Passendere Worte als Kahl findet Armin Pfahl-Traughber, der Deschners hier und anderswo aufblitzendes »deutschnationales Geschichtsbild« punktgenau identifiziert.*** Pfahl-Traughber arbeitet heraus, wie Deschner für sein Buch Moloch USA eine rechtsradikale Verschwörungstheorie verdaut hat, derzufolge die Amis die hauptsächliche Weltkriegsschuld tragen und Hitler von der Wall Street finanziert wurde. Ganz in diesem Sinne benutzt Deschner eine Fälschung als Quelle und relativiert NS-Verbrechen. Pfahl-Traughber:
Aus diesen [Deschners] Ausführungen lässt sich wohl nur entnehmen, dass die US-Amerikaner schlimmer als die Nationalsozialisten waren – und letztere dann auch nicht als gar zu verderblich gelten könnten.
Mit der Wall-Street-Verschwörungstheorie setzt Deschner jedoch letztlich einfach nur den ewigen Yankee an die Stelle des ewigen Juden, der bei Rohde noch ganz ohne ideologische Verschleierung auf den pamphletistischen Scheiterhaufen kommt. Doch ganz gleich ob Yank oder Jude, der hinter den Kulissen allgegenwärtig agierende, den Nazi-Wahnsinn höchstselbst verschuldende Finsterling ist hier wie dort vorhanden. Die Deutschen tauchen in diesem Bild nur als Opfer auf. Nicht weiter verwunderlich ist denn auch, dass Moloch USA – neben den Protokollen der Weisen von Zion – auf verschwörungstheoretischen Websites wie geheimpolitik.de eifrig rezipiert wird.

Deschners Fans scheint das alles nicht zu irritieren. Ein anderer Kritiker des Christentums, Rudolf Augstein, prägte den treffenden Begriff vom ›konstitutionellen Nazi‹. Aber die aufgeklärte, human gesinnte und kritisch denkende Leser_innenschaft von Rohde, Mynarek und Deschner wird sicherlich erklären können, warum der auf sie nicht zutrifft.

* Es scheint sich bei den RkEs ausschließlich um Männer zu handeln.
** Murer hat sich nachträglich von seiner Aussage distanziert. Trotzdem bewirkt sie bei mir akuten Brechreiz.
*** Bzw. so genau identifiziert, wie dies einem BfV-Mitarbeiter und Extremismustheoretiker eben möglich ist.